Der Sieg der Diplomatie über die Gegensätze

05.09.2026, 12:20

80 Jahre Pariser Vertrag (5/8): Staatspräsident Sergio Mattarella würdigt die Bedeutung des Abkommens zwischen Italien und Österreich, das den Weg für die Südtirol-Autonomie ebnete.

Staatspräsident Sergio Mattarella nutzte den Tag der Autonomie 2026, den 80. Jahrestag des Pariser Vertrags, um den Wert des Abkommens zwischen Italien und Österreich hervorzuheben, das zur Südtirol-Autonomie führte. (Foto: LPA/Bernhard Aichner)
Staatspräsident Sergio Mattarella nutzte den Tag der Autonomie 2026, den 80. Jahrestag des Pariser Vertrags, um den Wert des Abkommens zwischen Italien und Österreich hervorzuheben, das zur Südtirol-Autonomie führte. (Foto: LPA/Bernhard Aichner)

MERAN (LPA). "Die Autonomie Südtirols ist ein gemeinsames Erbe, das für Italien und Österreich von großem Wert ist und das es zu bewahren und zu fördern gilt, wie dies mit der jüngsten Reform geschehen ist": Der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella nutzte den Tag der Autonomie 2026, den 80. Jahrestag der Unterzeichnung des Pariser Vertrags und zugleich der Republik Italien, um den Wert des Abkommens zwischen Italien und Österreich hervorzuheben, das zu Südtirols Autonomie geführt hat.

Mattarella hob die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Italien und Österreich hervor, die durch die Verbindung zum österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen noch gestärkt werden. Der Staatspräsident dankte Landeshauptmann Arno Kompatscher für die Ehrung und die Feierlichkeiten zum Jahrestag des De-Gasperi-Gruber-Abkommens. „Der Pariser Vertrag war das Ergebnis der Weitsicht zweier Staatsmänner, die angesichts der ungeheuren Tragödie des Zweiten Weltkriegs eine innovative und mutige Lösung für die Südtirol-Frage fanden“, sagte Mattarella. „Natürlich waren ihre jeweiligen Positionen von unterschiedlichen Visionen geprägt. Das Ergebnis war kein einfacher Kompromiss, sondern ein Modell, auf das man sich auch heute noch in schwierigen Situationen in Europa beruft.“ Für den Staatspräsidenten lag sowohl De Gasperi als auch Gruber das Schicksal der deutschen und ladinischen Minderheit am Herzen.

Mit ihrem Abkommen sei ihnen dies gelungen, selbst in einem so komplizierten geopolitischen Kontext wie dem der Nachkriegszeit. Die Absicht habe darin bestanden, geopolitische Grenzen willkürlich mit ethnischen Grenzen gleichzusetzen und die Rechte der Menschen in den jeweiligen Gebieten von ihrer kulturellen Identität abhängig zu machen. Die beiden jungen Republiken wollten mit dem Gruber-De-Gasperi-Abkommen jedoch ein entgegengesetztes Prinzip festschreiben: Man sei in seiner eigenen Heimat kein ‚Fremder‘ und kein ‚Ausländer‘, so Mattarella. Grundsätze, die auch in der Verfassung (Art. 3) verankert seien.

Das Jahr des Pariser Vertrags war zugleich das Jahr der Gründung der Republik. „Republik und Autonomien haben in diesen Jahrzehnten gemeinsam die Entwicklung der italienischen Demokratie geprägt“, betonte Mattarella. Anschließend unterstrich er erneut die Bedeutung des Pariser Vertrags und verwies auf die "Rückoptionen" und auf das erste Autonomiestatut der Region Trentino-Südtirol, das den Weg zu einer „vollständigen Anerkennung der Sonderautonomien der darin zusammengefassten Gebiete“ ebnete – bis 1992 der Streitfall bei den Vereinten Nationen beigelegt werden konnte.

„Es handelte sich um den Sieg der Diplomatie über die Gegensätze“, sagte der Staatspräsident und erinnerte dankend an das Wirken des damaligen Landeshauptmanns Silvius Magnago und des Parlamentariers Alcide Berloffa. „Das Modell, das sich aus dieser international anerkannten Methode zur Streitbeilegung und zum Schutz ethnischer und sprachlicher Minderheiten ableitet, macht Südtirol heute zu einem Vorbild für Zusammenleben und Integration“, betonte Mattarella abschließend und verwies dabei auch auf das Potential der Euregio Tirol-Südtirol-Trentino.

mdg/mpi